Heft Nr. 60, November/Dezember 2000 (Titelgeschichte, Textauszug) 

Das kleine Schwarze  

Das kleine Schwarze hat seine Reize: Eine bezaubernde Front und eine einmalige Ansicht von hinten. Das kleine schwarze Gespann verspricht viel Spaß. Welchen Spaß wir mit dem Harley-Davidson-Liberty-XL-Gespann hatten, gestehen wir freimütig in einem Testbericht.

Bereits in Motorrad-Gespanne Nr. 20 bei der Vorstellung der amerikanischen Liberty-Beiwagen erfuhren wir von Pete Larsen, dass er an einem Beiwagen für die Harley-Davidson-Sportster-Modelle arbeitet. Das war vor sieben Jahren. So lange dauerte es, bis endlich ein Exemplar des Beiwagens über den großen Teich kam. Trotz Dollar-Höchstkurs orderte Konrad Reh aus dem niederbayerischen Reisbach ein Boot. Das außergewöhnliche Design mit dem gelungenen Heckteil hatte ihn als Harley-Händler überzeugt.

Als Zugmaschine wählte Konrad Reh eine Sportster XLH 1200 Custom mit 21-Zoll-Vorderrad.Das Motorradfahrwerk behielt die geometrischen Serienabmessungen. Nachlauf oder Radstand wurden nicht geändert. Die schmale Telegabel dirigiert weiterhin das Gespann. Einen interessanten Umbau realisierte Konrad Reh jedoch im Heck der Harley. Ein dicker Autoreifen mit der Abmessung 155 x 15 soll nicht nur den Reifenverschleiß der Hinterhand reduzieren, sondern auch als optischen Gegengewicht zur schmalen Front der Harley dienen. Von der Firma Lottermann ließ er eine breite Kastenschwinge mit Exzenterverstellung der Achsaufnahme herstellen. Um den wartungsarmen Riemenantrieb beibehalten zu können, musste er das vordere Riemenrad mittels eines Offset-Pulleys weiter nach rechts bringen. Harley-Kenner können das sofort an der um etwa 8 Millimeter nach versetzten Abdeckung erkennen. Das Hinterradschutzblech wurde entsprechend verbreitert. Gleichzeitig nutzte man nun die Gunst der Stunde und baute auch noch gleich eine PM-Vierkolbenbremse ein. Das dicke Heck sieht nicht nur gut aus. Der Reifen liegt satt auf der Straße, hat einen sehr gut kontrollierbaren Grenzbereich und erlaubt auch jede Art von Kapriolen.

Mehr oder weniger unfreiwillig wird man die ersten Meter mit dem Gespann sowieso sehr kapriolenhaft zurücklegen. Nur sehr wagemutigen Könnern empfehlen wir keinen Ballast im Boot. In der ersten Rechtskurve hat das Beiwagenrad mit Sicherheit keinen Bodenkontakt. Und in langgezogenen Rechtskurven wird man ebenfalls das Profil des Seitenwagenreifens schonen. Bei einer Spurbreite von 1140 Millimetern und einem Leergewicht von etwa 70 Kilogramm für den Beiwagen ist an der Seite so gut wie kein Gegengewicht. Man wird sich darauf einstellen, so wie wir auch, und bald seinen Spaß daran haben.

119 Millimeter Nachlauf. Nein, sie brauchen sich noch keine größeren Hemden kaufen aus Angst, dass sie nach einer Saison Muskeltraining am Lenker aus Größe 41 herauswachsen. Bis zu einer Geschwindigkeit von etwa 50 km/h ist alles easy. Mit dem Gespann kann man durch den innerstädtischen Verkehr zirkeln ohne dabei ins Schwitzen zu kommen. Es ist wendig, lässt schnelle Spurwechsel zu und ist so spurtreu wie ein Jagdhund. Das Wort Spurrillen gerät in Vergessenheit. Die Einstellung von nur 200 Millimetern Vorlauf unterstützt natürlich die leichte Lenkung. Ein Kippmoment in harten Linkskurven braucht man nicht befürchten, so lange man nicht mit brachialer Gewalt einlenkt.

Mit zunehmender Geschwindigkeit macht sicht der Nachlauf bemerkbar. Die Front versteift sich zusehends und überzeugt mit einem unbeirrbaren Geradeauslauf. Lenken erfordert nun entweder Krafteinsatz oder die Unterstützung von Gas und Bremse. Letztere Möglichkeit ist wegen des drehmomentstarken Motors die bessere. Das maximale Drehmoment von 87 Newtonmetern steht bei 3900 U/min an und erlaubt somit zügige Kurvenfahrten unter Gas ohne den Schalthebel bemühen zu müssen.

...


Montage der motorradseitigen Anschlüsse

Pete Larsen versteht sich als Hersteller und Lieferant von Beiwagen an den Motorradfachhandel. Eine ausführliche Montageanleitung liegt jedem Beiwagen bei. Überrascht waren wir von der detaillierten Montageanleitung und den darin enthaltenen technischen Informationen. Auch Gespannneulinge könnten anhand der Anleitung das Gespann zusammenbauen. Die Einstellung vorgegebenen Einstellmaße des Fahrwerkes hatten hervorragende Ergebnisse zur Folge. Kein europäischer Hersteller kann mit einer so ausführlichen Anleitung dienen.  

1.) Der hintere, untere Anschluss ...
2.) Der vordere, untere Anschluss ...
3.) Der vordere, obere Anschluss und der Lenkungsdämpferhalter ...
4.) Montage des hinteren, oberen Anschlusses ...
5.) Montage der Lenkungsdämpferschelle und des Lenkungsdämpfers ...
6.) Anfertigen des Kabelbaumes für die Beiwagenelektrik...  


Was uns gefiel:
- Design und Verarbeitung
- Heckumbau mit Beltdrive
- kalkulierbare Fahreigenschaften
 

Was uns nicht gefiel:
- Boot für große Passagier zu eng
- kleiner Benzintank
- Dollarwechselkurs 


Technische Daten:  Reh/HD-Sportster mit Liberty-XL-Beiwagen
Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-V-Motor, zwei Ventile pro Zylinder über Stoßstangen und Kipphebel betätigt, Bohrung x Hub: 88,8 x 96,8 mm, Hubraum:1199 cm3,  Leistung: 43 kW bei 5200 U/min, max. Drehmoment: 87 Nm bei 3900 U/min, Zahnriemenantrieb,

Fahrwerk
Doppelschleifenrohrrahme, Telegabel, verbreiterte Stahlschwinge hinten mit Harley-Davidson-Stoßdämpfern, 54 mm Federweg.

Bremsen
Einfachscheibenbremsanlage mit HD-Bremszange über Handbremshebel betätigt, Scheibenbremse hinten mit PM-Bremszange hinten.

Bereifung:
Vorn:  MH 90 x 21
Hinten: 155 x 15

Abmessungen Gespann:
Radstand:  1510 mm
Spurbreite: 1140 mm
Vorlauf: 200 mm
Vorspur: 25 mm
Nachlauf VR: 119 mm

Abmessungen Beiwagen:
Länge: 1990 mm
Sitzbreite: 500 mm
Fußraumlänge: 1080 mm
Kofferraumvolumen: 80 l
Verdeck serienmäßig:  nein
Kopfraumhöhe bei geschlossenem Verdeck: --
Sicherheitsgurte serienmäßig:  nein
Bereifung: 100/90 x 19
Federbein: Works
Federweg: 70 mm
Scheibenbremse serienmäßig?   ja 
Leergewicht: 75 kg
Zul. Gesamtgewicht: 230 kg

Gewichte Gespann:
Leergewicht:  300 kg
Zul. Gesamtgewicht: 580 kg

Höchstgeschwindigkeit: 
ca. 130 km/h

Den ausführlichen Test mit allen Einzelheiten und Bildern finden Sie in MOTORRAD-GESPANNE Nr. 60 ab Seite 8.

 

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