
Betriebsfestigkeitsuntersuchung
eines Motorrad-Seitenwagens
Prof. Dr. Wolfgang Magin, Dipl.-Ing.
(FH) Peter Tinzmann, Dipl.-Ing. (FH) Roland Stöss,
alle Fachhochschule Frankfurt am Main – University of Applied
Sciences, Jürgen Roth Kali-Beiwagen und Anhänger, Schaafheim
Die betriebsfeste Dimensionierung von Bauteilen und Baugruppen
ist in der Kraftfahrzeugtechnik unumgänglich. Der Betriebsfestigkeitsnachweis
kann entweder experimentell auf entsprechenden Prüfmaschinen oder auch experimentell-rechnerisch
mit einer Messung der Betriebsbeanspruchungen und einer nachfolgenden Abschätzung
auf Basis einer Schadensakkumulationsrechnung geführt werden. In der beschriebenen
Untersuchung wurde der zweite Weg beschritten. Die Betriebsbeanspruchungen wurden
an 10 Stellen des Seitenwagenrahmens mit Dehnungsmessstreifen über eine Fahrstrecke
von 837 km erfasst. Die eingesetzte Messtechnik wird beschrieben. Die Messdaten
wurden anschließend mit der „Rainflow-Analyse“ ausgewertet und in ein Kollektiv umgeformt.
Die Gegenüberstellung dieses Kollektivs und der Wöhlerlinie des Rahmenwerkstoffes
in Form der Schadenssummenrechnung nach Miner zeigte,
dass der Seitenwagen betriebsfest ist.
1. Einleitung
Die
betriebsfeste Dimensionierung von Bauteilen und Bauteilgruppen ist in der Kraftfahrzeugtechnik
eine zwingende Folge der Forderung nach Leichtbau. Eine für jeden Einsatzfall
dauerfeste Auslegung würde die Bauteile zu groß und zu schwer werden lassen. Der
Nachweis der Betriebsfestigkeit wird heute im wesentlichen
auf zwei Wegen realisiert:
-
Der experimentelle Betriebsfestigkeitsnachweis wird auf servohydraulischen
Prüfmaschinen durchgeführt, die eine dem Fahrzeugbetrieb entsprechende zufallsartige
Belastungs-Zeit-Folge simulieren. Ergebnis ist die Aussage, dass das Bauteil unter
dieser Belastung keine Schädigung erleidet oder durch Dauerbruch versagt.
-
Im rechnerischen Betriebsfestigkeitsnachweis wird mit Hilfe
einer Schadensakkumulationsrechnung die Wirkung unterschiedlicher Belastungshöhen
auf die Bauteilhaltbarkeit abgeschätzt. Dabei wird zunächst der Schädigungsanteil
jedes einzelnen Lastspiels an der Gesamtschädigung ermittelt. Durch Aufsummieren
dieser Schädigungsanteile erhält man die Gesamtschädigung, die letztlich eine
Aussage über die mögliche Betriebsdauer des Bauteils zulässt.
Bei beiden Verfahren
ist die Kenntnis der Belastungen, denen das Bauteil im Betrieb unterliegt, zwingend
erforderlich. Für viele Bauteile in der Fahrzeugindustrie liegen bereits standardisierte
Belastungskollektive als Basis für Versuche oder Berechnungen vor. Diese Erfahrungen
fehlen dagegen bei Einzelanfertigungen und Kleinserien. Um für diese Teile eine
Zulassung für den Straßenverkehr zu erlangen, ist inzwischen auch hier ein Betriebsfestigkeitsnachweis
zwingend gefordert. Da aber in der Regel die standardisierten Belastungskollektive
nicht übertragbar sind, steht am Anfang die Messung der Belastungs-Zeit-Verläufe
im Fahrbetrieb.
Die Untersuchungen
und Berechnungen wurden im Rahmen einer Diplomarbeit im Studiengang Maschinenbau
des Fachbereichs Informatik und Ingenieurwissenschaften an der Fachhochschule
Frankfurt – University of Applied Sciences durchgeführt.

2. Versuchsobjekt und Versuchsziel
Die nachstehend beschriebenen
Untersuchungen wurden mit einem Motorrad-Seitenwagen des Typs „KALI KR II“ durchgeführt,
von dem bisher zwei Prototypen gebaut wurden. Es ist ein sogenannter 1 ½ -Sitzer,
bietet also Platz für einen Erwachsenen und ein Kind. Dementsprechend ist er bei
einem Lehrgewicht von 75 kg für eine Zuladung von maximal 200 kg ausgelegt. Der
erste Prototyp wurde bereits Mitte der 1990-er Jahre konstruiert und gebaut und
mit einer Einzelzulassung für den Straßenverkehr zugelassen. Seit dieser Zeit
ist der Seitenwagenrahmen schon ca. 30.000 km ohne erkennbare Schäden gefahren
worden.
Der Rahmen besteht aus Rohren 38 x 3 mm aus dem Werkstoff S235JR
nahtlos gezogen. Alle Verbindungen
sind geschweißt mit dem WIG-Verfahren, um eine einwandfreie
Schweißnahtqualität zu gewährleisten. Die hochbelasteten Rohrknoten sind zusätzlich
durch Knotenbleche aus dem gleichen Werkstoff verstärkt. Der Seitenwagenrahmen
ist an zwei Stellen fest mit dem unteren Rahmen des Motorrades verbunden. Dazu
werden ca. 150 mm lange Rohrstücke in die beiden ersten Rahmenrohre des Seitenwagens
eingeschoben und mit Klemmschrauben festgehalten. Die Verbindung mit dem Motorradrahmen
erfolgt über modifizierte Augenschrauben und Gewindespindeln. Zusätzlich stützt
sich der Seitenwagen über zwei Streben am Lenkkopf und am oberen Rahmen in Sitzbanknähe
der Zugmaschine ab. Das Seitenwagenrad ist mit einem Federbein am Rahmen befestigt,
der in diesem Bereich nach oben abgekröpft ist. Die Seitenführung des Rades übernimmt
eine geschobene Dreieckslenkerschwinge, die über zwei Gummilager am hinteren Rahmenrohr
angelenkt ist. Gebremst wird der Seitenwagen mit einer Scheibenbremse mit Scheibendurchmesser
190 mm.
Die Bilder 1 und zwei
zeigen eine Prinzipskizze des Rahmens bzw. den fertig montierten Rahmen.
Die Karosserie des Seitenwagens,
das „Boot“, ist mit sechs Befestigungspunkten auf dem Rahmen verschraubt. Es besteht
aus ca. 4 mm starken glasfaserverstärktem Polyesterharz.
Im Bodenbereich ist die Wandstärke ca. 10 mm.
Gespannmaschine war
eine Moto Guzzi V 1000 SP mit einer maximalen Motorleistung
von 44 kW und einem maximalen Motormoment von 90 Nm. Die Höchstgeschwindigkeit
lag bei ca. 150 km/h. Dieser Seitenwagen soll künftig in einer kleinen Serie hergestellt
werden. Angestrebt ist eine Stückzahl von zehn Fahrzeugen pro Jahr. Um das Zulassungsverfahren
zu vereinfachen, wird ein sogenanntes Teilegutachten angestrebt, das künftig die
Eintragung des Seitenwagens als geprüftes Bauteil in den Kraftfahrzeugbrief der
Zugmaschine ermöglicht. Damit ist keine Einzelprüfung jedes gefertigten Seitenwagens
mehr erforderlich. Eine der Grundlagen dieses Teilegutachtens ist der Nachweis
der Betriebsfestigkeit des Seitenwagenrahmens.
Da für dieses Fahrzeug
bisher keine in einer Betriebsfestigkeitsabschätzung verwertbare Erfahrungen über
die Betriebsbelastungen vorlagen und auch die Literatur keine Hinweise für vergleichbare
Fahrzeuge gab, mussten zunächst die Belastungs-Zeit-Verläufe im Fahrversuch ermittelt
werden. Auf dieser Basis sollte dann der rechnerische Betriebsfestigkeitsnachweis
durchgeführt werden.
Lage der Messstellen
auf dem Seitenwagenrahmen.
3. Eingesetzte Messtechnik
Um ein repräsentatives
Abbild der Betriebsbeanspruchungen in dem Seitenwagenrahmen zu erhalten, wurden
insgesamt 10 Messstellen vorgesehen. Ihre Lage wurde in Absprache mit dem Konstrukteur,
dem Betreuer und dem Bearbeiter der Diplomarbeit festgelegt. Ziel war eine Applikation
der Dehnungsmessstreifen an den voraussichtlich höchstbeanspruchten Stellen des
Seitenwagenrahmens, das sind die insbesondere Anschlusspunkte zum Motorradrahmen
und die Anschlusspunkte der Radabstützung. Bild 1 zeigt in einer Prinzipdarstellung
die Lage der Messstellen.
Der Aufgabenstellung
entsprechend kamen für die Messwerterfassung nur Dehnungsmessstreifen in Frage.
Es wurden Dehnungsmessstreifen des Typ 6/350LY11 ausgewählt. Sie sind mit einer
aktiven Messgitterlänge von 6 mm noch in der Lage, Spitzenspannungen an Kerbbereichen
mit genügender Genauigkeit zu erfassen, sind bei der Applikation aber auch noch
gut zu handhaben. Um eine auch im rauen Fahrbetrieb sichere Anbindung der Messkabel
zu gewährleisten, wurden Lötstützpunkte LS 5eingesetzt.
Da aufgrund der Rahmenkonstruktion
zu erwarten war, dass die überwiegende Belastung der Rohre Biegung ist, wurde
eine Halbbrückenschaltung mit je einem Dehnungsmessstreifen auf der Biegezug-
und auf der Biegedruckseite vorgesehen. Diese Vorgehensweise bot den Vorteil einer
höheren Auflösung schon bei der Messung und einer exakten Temperaturkompensation.
Die Messstreifen wurden nach Anbringen der Lötstützpunkte in der üblichen Klebestreifen-Klapptechnik
an den vorgesehenen Stellen fixiert und mit Klebstoff Z70 befestigt. Die exponierte
Lage der DMS auf dem Rahmen erforderte eine feuchtigkeitsdichte und auch begrenzt
gegen mechanische Belastungen schützende Abdeckung. Als Abdeckmittel wurde daher
der Abdeckkitt AK22 eingesetzt, der diese Anforderungen auch im Hinblick auf die
nicht erforderliche Aushärtephase erfüllte. Wie erwartet traten während der Messfahrten
auch keine Ausfälle auf, wobei allerdings auch zu erwähnen ist, dass der Wettergott
den Versuchsfahrern sehr gewogen war und keinen Regen schickte. Bild 2 ist eine
Aufnahme des Seitenwagenrahmens mit den applizierten, verschalteten und bereits
abgedeckten Messstellen bei einer letzten Funktionsprüfung vor der Montage des
Bootes.
Für die Messdatenerfassung
wurden drei Messverstärker Spider 8 mit jeweils 4 Messkanälen
eingesetzt. Der besondere Vorteil dieser Messverstärker für diese Versuche ist
die echt zeitparallele Erfassung der Messdaten, d.h. bei der anschließenden Auswertung
konnten die Beanspruchungen zeitlich exakt gegenübergestellt werden. Die Messverstärker
waren über Parallelschnittstellen (LPT) gekoppelt und an einen Laptop angeschlossen.
Die Messgeräte standen gut gegen Fahrbahnstöße abgepolstert in einem speziell
dafür angefertigten Blechrahmen, der im Fußraum des Seitenwagenbootes verschraubt
war. Bild 3 zeigt eine Aufnahme der versuchsbereiten Installation.
Für die Energieversorgung
waren zunächst zwei 60-Ah-PKW-Batterien vorgesehen, die im Kofferraum des Seitenwagenbootes
eingebaut waren. Da die eigens angefertigten elektronischen Spannungskonstanthalter
nicht in der gewünschten Weise funktionierten, wurde eine Spannungswandler 12V
Bordstrom auf 220V Wechselstrom eingesetzt, der direkt an die Lichtmaschine des
Motorrades angeschlossen wurde. Die Spider 8 erhielten dann ihre Energie über die normalen Netzteile.
Aufgrund der geringen Energieaufnahme der Messverstärker waren die Lichtmaschine
und der Spannungswandler zu keinem Zeitpunkt der Versuchsfahrten überlastet. Die
beiden Batterien versorgten dann nur noch den Laptop.
Zur Datenerfassung und
–speicherung wurde das Programm „CATMAN“ in der Version
3.0 eingesetzt. Betriebssystem des Laptops
war Windows XP Home. Die Messfrequenz wurde auf 400 Hz eingestellt. Bei einer
Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h wurde damit ca. alle 3,5 cm Fahrstrecke eine Messung
durchgeführt. Diese Messfrequenz stellte einen guten Kompromiss dar zwischen der
Forderung nach einer sicheren Erfassung kritischer Betriebsbeanspruchungen während
der Messfahrten und dem Umfang der abzuspeichernden Messdaten. Bei einer Fahrtstrecke
von ca. 110 km wurden je Messkanal ca. 2 Millionen Messwerte erfasst und abgespeichert,
der Dateiumfang lag dementsprechend bei ca. 20 Millionen Daten. Die Messwerte
wurden ohne weitere Umrechnung abgespeichert. Sie haben in dieser Phase entsprechend
der Messwerterfassung die Einheit „mV/V“. Die Umrechung in die Spannungseinheit
„N/mm²“ erfolgte erst in der letzten Phase der Auswertung. Bild 5 zeigt beispielhaft
für eine Messstelle 2 „Rohrschleife oben“ den Belastungs-Zeit-Verlauf über 110
km.
Der Beifahrer im Seitenwagen
hatte während der Messfahrten den Laptop ständig auf den Knien und beobachtete
die Funktion der Messdatenerfassung, um bei Ausfällen oder anormalen Zuständen
sofort eingreifen zu können (Bild 4). Dies war tatsächlich mehrfach erforderlich,
da sich durch die Vibrationen insbesondere die Stecker der Energieversorgung des
öfteren lösten. Nur durch massiven Einsatz von Klebeband
konnte hier Abhilfe geschaffen werden. Die Dehnungsmessstreifen und auch die Messverstärker
zeigten dagegen zu keinem Zeitpunkt Ausfälle trotz teilweise wirklich extremer
Belastungen.
4. Fahrtstrecke
Um ein repräsentatives
Abbild der Betriebsbeanspruchungen zu erhalten, war für die Messfahrten eine Fahrstrecke
von ca. 1.000 km vorgesehen, um in der Betriebsfestigkeitsabschätzung mit genügender
Aussagesicherheit auf eine Fahrstrecke von 100.000 km hochrechnen zu können.
Als
Fahrstrecke war ein Rundkurs durch den Spessart ausgewählt worden (Bild 5). Die
Rundenlänge betrug ca. 110 km, davon waren etwa 25 km Autobahn bzw. autobahnähnlich
ausgebaute Bundesstraße. Die übrige Strecke bot Landstraßen mit Fahrbahnbelägen
der Qualität sehr gut bis Schlechtweg. Enthalten waren Steigungs- und Gefällestrecken
mit unterschiedlichen Neigungen sowie auch sehr kurvenreiche Abschnitte mit teilweise
engen 90 – 180° Kurven.
Dieser Rundkurs wurde
in beiden Fahrtrichtungen insgesamt siebenmal durchfahren. Mindestbeladung des
Seitenwagens waren das Gewicht der Messgeräte, der Stromversorgung und des Beifahrers
(ca. 120 kg). Um den Einfluss unterschiedlicher Zuladung zu erfassen, wurden bei
mehreren Fahrten unterschiedliche Ballastgewichte bis maximal 120 kg zugeladen,
was einer Überladung von 40 kg entsprach. Da die Fahrweise des Fahrers ebenfalls
erheblichen Einfluss auf die Betriebsbelastungen hat, wurde von „gemütlicher Sonntagsfahrer“
bis „Extremfahrer im Grenzbereich“ variiert, wobei bei den Straßenfahrten aber
auf die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung geachtet wurde. Bild 6 gibt einen
Eindruck aus der Sicht des Beifahrers.
Zur Ergänzung der Straßenfahrten
und vor allem zur Simulation extremer Fahrzustände wurden weitere Messfahrten
auf dem Prüfgelände der Fa. Opel in Dudenhofen bei Frankfurt
a. M. durchgeführt. Auf dem „Skid Pad“, einer kreisförmigen Betonfahrbahn mit ca. 400 m Durchmesser,
wurden Kreisfahrten in einem Durchmesser von 250 m 10 Runden links (Abstützung
des Gespanns über den Seitenwagen, Geschwindigkeit bis an die Haftungsgrenze der
Reifen) und 3 Runden rechts (Entlastung des Seitenwagens bis zum Abheben des Seitenwagenrades)
gefahren. Extreme Belastungen der Rahmenstruktur ergaben sich bei den anschließenden
Fahrten über die Straßenbeläge „Großblockwellenbahn“ und „Belgisch Pflaster“,
die jeweils 10 mal befahren wurden. Der Bezeichnung „Schlechtwegstrecke“
ist für diese beiden Straßenzustände schlichtweg Untertreibung.
Den Abschluss der Messfahrten
bildeten Beschleunigungs- und Bremsmessungen auf gerader, trockener Fahrbahn.
Bei diesen Messungen wurde zusätzlich ein Beschleunigungsgeber der Fa. Kistler
am Beiwagen montiert und als 11 Kanal erfasst, um eine direkte Zuordnung der Beschleunigungs-
und Verzögerungswerte zu den Beanspruchungswerten zu ermöglichen.
Die Gesamtfahrstrecke,
die messtechnisch dokumentiert ist, betrug 837 km.
Abschließend wurden
statische Belastungsversuche durchgeführt, um die Beanspruchung durch das Leergewicht
des Gespann bzw. durch unterschiedliche Beladungen exakt
zu erfassen. Dies war erforderlich, weil vor jeder Messfahrt alle Messkanäle auf
0 tariert wurden, so dass dort lediglich die dynamischen Beanspruchungen aus dem
Fahrbetrieb gemessen wurden.
5 Auswertung der Versuchsergebnisse
Da sich die Fahrten
über mehrere Tage erstreckten und die Messungen mehrfach wegen Ausfall der Stromversorgung
unterbrochen wurden, waren die Messdaten am Ende auf 19 Dateien verteilt.
Bild 7 zeigt einen typischen
Beanspruchungs-Zeit-Verlauf für eine Runde entsprechend 110 km, in diesem Fall
für die Messstelle 2 „Rohrschleife oben“. Die Beanspruchungsachse ist noch in
der Einheit „mV/V“ gekennzeichnet, die x-Achse kann als Zeitachse interpretiert
werden (Darstellung mit Hilfe des Catman-Addins „Dataview“).
Diese Beanspruchungs-Zeit-Verläufe
können nicht direkt in eine Betriebsfestigkeitsabschätzung eingeführt werden.
Sie müssen zunächst mit Hilfe eines statistischen Zählverfahrens in „Kollektive“
umgeformt werden. Dazu wird der Bereich von der kleinsten bis zur größten Beanspruchung
in gleichbreite Klassen unterteilt und die Auftretenshäufigkeit der Beanspruchungen
in den Klassen ausgezählt. Ergebnis ist eine Häufigkeitsverteilung der Einzelbeanspruchungen,
eben das „Kollektiv“. Die Betriebsfestigkeitslehre bietet verschiedene Zählverfahren
an, die naturgemäß auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen /1/. Für die vorliegende
Aufgabenstellung wurde das „Rainflow-Verfahren“ ausgewählt. Es ist ein zweiparametriges Verfahren, d.h. es werden alle Informationen
aus den Beanspruchungs-Zeit-Verläufen erfasst mit Ausnahme der Reihenfolge, der
Zeitfunktion und Frequenz. Die Zählergebnisse werden in Matrixform erfasst. Diese
„Rainflow-Matrix“ stellt jedoch nur einen ersten Auswertungsschritt
dar, kann also ebenfalls noch nicht für die Berechnung herangezogen werden. Ihr
besonderer Vorteil ist aber, dass aus ihr relativ einfach die Ergebnisse anderer
Zählverfahren abgeleitet werden können. Für die Erstellung der Lastkollektive
wurde in Übereinstimmung mit der FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeitsnachweis
für Maschinenteile, Ausgabe 2002“ /2/ die „Bereichspaarzählung“ verwendet. Die
Bereichspaare und ihre Häufigkeiten sind auf den Diagonalen der „Rainflow-Matrix“
zu finden.
Das Auszählen der Beanspruchungs-Zeit-Verläufe
könnte sich insbesondere angesichts der vorliegenden Datenmengen sehr zeitraubend
und mühsam gestalten. Hier bietet „Catman“ allerdings Unterstützung: Mit Hilfe der Funktion „Rainflow-Matrix“ wurden die Messdaten der einzelnen Fahrten
zunächst klassiert. Da je Messfahrt insgesamt 10 Messkanäle abgespeichert waren,
erhöhte sich damit die Anzahl der Dateien auf insgesamt 190. Für die weitere Auswertung
konnte „Catman“ allerdings nicht mehr eingesetzt werden.
Die Rainflow-Matrizen wurden zunächst als Excel-Dateien
exportiert. Daran anschließend mussten die jeweils 19 Rainflow-Matrizen
jeder Messstelle zu einer Gesamtmatrix je Messkanal additiv
zusammengefasst werden, um das Gesamtkollektiv ermitteln zu können. Die Anzahl
der Dateien reduzierte sich damit auf 10. In den Excel-Tabellen wurden schließlich
die oben schon erwähnten Bereichspaare und ihre Häufigkeiten zum Kollektiv zusammengefasst
und grafisch dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt wurden nun auch die Dehnungswerte
über den Elastizitätsmodul in Spannungen umgerechnet. Die theoretische Umrechung
wurde durch Kalibrierversuche an einem Originalrohr mit der gleichen DMS-Applikation
überprüft und bestätigt. Beide Methoden ergaben ein Umrechnungsverhältnis 1mV/V
entsprechend 214 N/mm².
Um den Berechnungsaufwand
bei der Betriebsfestigkeitsabschätzung zu verringern, wird das Kollektiv in einzelne
Stufen unterteilt. Dabei ist zu beachten, dass die Fläche unter der Treppenlinie
gleich ist Fläche unter der Kollektivlinie. Begründung für diese Forderung ist,
dass diese Fläche maßgebend ist für die Schädigung eines Bauteils.
Im nächsten Schritt
ist der Schädigungsanteil durch eine Laststufe zu berechnen. Es ist der Quotient
aus der Stufenhäufigkeit, das ist die Anzahl Lastwechsel dieser Laststufe, und
der möglichen Lastwechsel bei dieser Laststufe bis zum Bruch des Teils. Erforderlich
ist dazu die Kenntnis der Wöhlerlinie des Bauteils, besonders aber der Zeitfestigkeitslinie.
Die Bestimmung dieser
Wöhlerlinie war der problematischste Teil der Untersuchung. Rohrwerkstoff ist
der Baustahl S235JR nach DIN EN 10025. Obwohl dieser Werkstoff alles andere als
exotisch ist, war trotz intensiver Literaturrecherchen keine vollständige Wöhlerlinie
mit Angabe des Zeit- und Dauerfestigkeitsbereichs zu finden. Zwar liegen für diesen
Werkstoff in großer Zahl Dauerfestigkeitswerte vor, jedoch fehlen die Angaben
zur Steigung der Wöhlerlinie im Zeitfestigkeitsgebiet. Diese ist aber unabdingbar
für die Abschätzung der Dauerfestigkeit. Daher wurden die Daten der Wöhlerlinie
nach den Vorgaben der bereits erwähnten FKM-Richtlinie /2/ festgelegt. Um auf
der sicheren Seite zu sein, wurde die Dauerfestigkeit für Axialbeanspruchung gewählt,
obwohl die Rohre ausschließlich auf Biegung belastet sind. Dadurch wird der Einfluss
des Spannungsgefälles nicht berücksichtigt, d.h. die Dauerfestigkeit wird etwas
niedriger angesetzt.
Die Steigung der Wöhlerlinie
ist abhängig von der Kerbwirkung, gekennzeichnet durch die Spannungsformzahl ak. Auch hier wurde zur sicheren Seite hin gearbeitet und eine
leichte Kerbwirkung angesetzt, obwohl die Rohre ungekerbt sind. Ein weiterer Sicherheitsaspekt
ergibt sich daraus, dass die DMS in Bereichen appliziert wurden, in denen Spannungsspitzen
zu erwarten waren. Dadurch wurde eine ggfs. vorhandene Kerbwirkung sowohl bei der Beanspruchungsmessung
als auch in der Wöhlerlinie berücksichtigt.
Die Daten der Wöhlerlinie
ergaben sich damit wie folgt:
dauerfest ertragbare Spannungsamplitude sa= 150 N/mm²
Lastspielzahl des Knickpunktes ND= 1.000.000
Steigung der Zeitfestigkeitsgeraden k = 12
Die statische Mittelspannung
durch die wechselnde Beladung des Seitenwagens wurde durch eine Änderung des Dauerfestigkeitswertes
entsprechend dem Smith-Diagramm berücksichtigt. Dies war erforderlich, weil wie
oben schon erwähnt die Messgeräte vor Fahrtbeginn auf Null kalibriert wurden,
d.h. die statischen Mittelspannungen nicht in die Messwerte eingegangen sind.
Bild 8 zeigt in einer
Zusammenstellung das Kollektiv, die Kollektivtreppung
und die Wöhlerlinie am Beispiel der Messstelle „A-Holm vertikal“. Diese Messstelle
wurde gewählt, weil hier die höchsten Beanspruchungen aufgetreten sind. Die Kollektive
der übrigen neun Messstellen sind teilweise deutlich niedriger.
Bild.
Seitenwagen mit applizierten
und verschalteten
Messstellen vor der Montage des Bootes. 
Abschließend wurde die
Betriebsfestigkeitsabschätzung durchgeführt auf Basis der linearen Schadensakkumulationshypothese
nach Miner /1/. Bei diesem Verfahren werden die berechneten
Schädigungsanteile der einzelnen Laststufen additiv
zu einer Gesamtschädigung zusammengefasst. Erreicht diese Schädigungssumme den
Wert 1, so tritt per Definition der Dauerbruch ein. Problematisch bei diesem Berechnungsmodell
ist die Bewertung der Schädigung durch Laststufen unterhalb der dauerfest ertragbaren
Spannungsamplitude. Die Schadensakkumulationshypothese in ihrer ursprünglichen
Fassung ging davon aus, dass diese Laststufen keine Schädigung hervorrufen, denn
das Bauteil ist „dauerfest“. Diese Variante wird als „originale Miner-Regel“
bezeichnet. Vergleiche mit der Praxis zeigten aber, dass die Betriebshaltbarkeit
damit zu optimistisch eingeschätzt wurde. Als Reaktion wurde daraufhin die Zeitfestigkeitslinie
mit gleicher Steigung unterhalb der dauerfest ertragbaren Spannungsamplitude verlängert
mit dem Ergebnis, dass jetzt zu pessimistisch gerechnet wurde („elementare Miner-Regel“).
Ein sinnvolle Alternative bildet eine Fortsetzung der
Zeitfestigkeitslinie mit halber Steigung („modifizierte Miner-Regel“).
Wie aus Bild 8 zu erkennen
ist, liegt das Kollektiv nahezu völlig unterhalb der dauerfest ertragbaren Spannungsamplitude,
der Seitenwagenrahmen ist eigentlich als dauerfest zu betrachten. Trotzdem wurde
eine Betriebsfestigkeitsabschätzung durchgeführt auf der Basis der „elementaren
Miner-Regel“. Diese wurde gewählt, um in jedem Falle
sicher abzuschätzen. Die Ergebnisse dieser Berechnungen sind in der Tabelle 1
zusammengestellt.
In der ersten Spalte
sind die Stufenspannungen entsprechend der Kollektivtreppung
aufgelistet, die zweite Spalte enthält die zugehörigen Stufenhäufigkeiten. Beispielsweise
trat die Spannung 112 N/mm² im gesamten Versuchszeitraum 35 mal auf, die Spannung 16 N/mm² dagegen 387.815 mal. Die
Spalte „Lastspielzahl bis Bruch“ sind die aus der Zeitfestigkeitslinie ermittelten
Bruchlastspielzahlen bei einer Einstufenbeanspruchung. Der Schadensanteil je Laststufe
ist dann der Quotient aus Stufenhäufigkeit und Lastspielzahl bis Bruch (Spalte
2 dividiert durch Spalte 3). Die Addition dieser Schadensanteile ergibt schließlich
die Gesamtschädigung, die „Schadenssumme“, durch das Kollektiv. Nach der oben
beschriebenen Theorie tritt ein Dauerbruch auf, wenn diese Schadenssumme den Wert
1 erreicht. Dementsprechend kann aus dem Kehrwert der Schadenssumme die voraussichtliche
Betriebsdauer errechnet werden.
Auch bei der Berechnung
der voraussichtlichen Betriebsdauer wurde ein weiterer Sicherheitsbeiwert entsprechend
der Empfehlung der schon erwähnten FKM-Richtlinie berücksichtigt: Für den Schadenseintritt
wurde nicht der Wert 1 gesetzt, sondern der Wert 0,3. Damit wurde also eine Sicherheit
von 3 gegen Dauerbruch eingeführt. Damit ergibt sich nach Tabelle 1 für die voraussichtliche
Betriebsdauer des Seitenwagenrahmens an der Messstelle „A-Holm vertikal“:
Betriebszeit = 0,3/0,0000069449 = 43197
Dieser
Wert ist so zu interpretieren, dass das aus den Fahrversuchen über 837 km experimentell
ermittelte Kollektiv 43197 mal durchfahren werden kann,
bis die Schadenssumme 0,3 erreicht ist. Dies entspricht einer Gesamtfahrstrecke
36.155.889 km bei einer Sicherheit von 3 gegen Dauerbruch. Bis an der Messstelle
„A-Holm vertikal“ mit einem Dauerbruch zu rechnen ist, könnte diese Fahrtstrecke
also nochmals um den Faktor 3 verlängert werden.
6.
Fazit
Als Fazit der Untersuchung
kann damit festgehalten werden, dass der Seitenwagenrahmen im Grunde genommen
als dauerfest betrachtet werden kann. Ein Dauerbruch ist innerhalb der für das
Teilegutachten geforderten Fahrstrecke von 100.000 km und auch weit darüber hinaus
nicht zu erwarten.
Bild.
Anordnung der Messgeräte im Seitenwagen.
7.
Ergänzungen
Im Verlauf der Untersuchungen
kam die Idee, den Seitenwagenrahmen nicht nur als Versuchsobjekt für eine Diplomarbeit
heranzuziehen, sondern ihn auch in weiteren Lehrveranstaltungen des Studiengangs
Maschinenbau im Fachbereich Informatik und Ingenieurwissenschaften der Fachhochschule
Frankfurt – University of Applied Sciences
näher zu analysieren. Mit Beginn des Wintersemesters 2003/04 wurde daher die Berechnung
der Beanspruchungen und insbesondere der hochbeanspruchten Bereiche des Seitenwagenrahmens
in der Lehrveranstaltung „Finite-Elemente“ als Übungsaufgabe
gestellt. Damit sollte vor allem die korrekte Lage der Messstellen überprüft werden.
Die Ergebnisse lagen zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichtes noch nicht vor.
Die
Abnahme des Seitenwagenrahmens durch die Zulassungsbehörden stand bei Abfassung
des Berichts kurz bevor.
Tabelle.
Ergebnisse
einer Schadenssummenrechnung nach Miner elementar.