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Bremsflüssigkeit


Bernhard Götz Verlag (c) 1988-2010

DOT, DOT, DOT
aus M-G Nr. 105

Westeuropäische Bremsen werden in der Regel mit DOT-4- oder DOT-5.1-, Bremsen bei Harley-Gespannen mit DOT-5- Bremsflüssigkeit befüllt.
Worin liegt der Unterschied, und darf man die verschiedenen Systeme miteinander kombinieren?

Unterschied SAE- und DOT-Norm
Als wichtigsten Unterschied gegenüber der SAE-Vorschrift enthält die DOT-Norm zusätzlich den Begriff des Nass-Siedepunktes. Er gibt an, bei welcher Temperatur die Flüssigkeit zu sieden beginnt. Hierbei wird ein Wassergehalt der Bremsflüssigkeit von 3,5 Prozent zugrunde gelegt. Je höher dieser Siedepunkt liegt, desto sicherer ist die Flüssigkeit gegen Dampfblasenbildung bei Wasseraufnahme. Eine Methode, die Wasserhaltigkeit von DOT-3- und 4-Bremsflüssigkeit zu messen, haben wir in M-G Nr. 15 vorgestellt.

Die drei Großbuchstaben „DOT“ stehen für „Department of Transportation“, also das amerikanische Verkehrsministerium. Die Behörde hat für verschiedene Sachverhalte Normen eingeführt. So hat zum Beispiel Bremsflüssigkeit eine DOT-Bezeichnung. Sie ist je nach ihrem Siedepunkt in die Klassen DOT 3 bis DOT 5 eingeteilt. DOT 3 entspricht einer Siedetemperatur von 205 Grad Celsius, DOT 4 230 Grad und DOT 5 260 Grad.

Bremsflüssigkeit besteht in erster Linie aus Glykolethern. Alle Bremsflüssigkeiten auf Glykolbasis sind hygroskopisch. Das heißt, sie reichern sich bereits in Verbindung mit der Atmosphäre immer mehr mit Wasser an. Diese Eigenschaft ist durchaus erwünscht. So ist sichergestellt, dass das Wasser dank dieser Eigenschaft immer in der Bremsflüssigkeit verteilt ist. Isoliertes Wasser ist also nicht vorhanden. Deswegen kann es bei Null Grad Celsius nicht einfrieren oder bereits bei 100 °C kochen.

Aber: Schon ein geringer Wassergehalt senkt den Siedepunkt der Bremsflüssigkeit. Nach zwei Jahren kann der Wassergehalt im geschlossenen System mehr als drei Prozent betragen. Die Folge: Der Siedepunkt der Bremsflüssigkeit sinkt. Eine starke Beanspruchung, also heiße Bremse, kann bei zu niedrigem Sie- Westeuropäische Bremsen werden in der Regel mit DOT-4- oder DOT-5.1-, Bremsen bei Harley-Gespannen mit DOT-5- Bremsflüssigkeit befüllt. Worin liegt der Unterschied, und darf man die verschiedenen Systeme miteinander kombinieren? depunkt zur Dampfblasenbildung führen und damit das Versagen der Bremse verursachen.

Um dies zu verhindern, war das Bestreben der Hersteller, eine Bremsflüssigkeit zu entwickeln, die kein Wasser aufnimmt. Mit einer Flüssigkeit auf Silikonbasis, sie wird unter der Bezeichnung DOT 5.0 angeboten, schien das Problem gelöst. Im Motorradbau wurde Silikonbremsflüssigkeit vor allem bei Harley-Davidson- Motorrädern verwendet. Zumindest bis zum Jahre 2006. Seitdem findet man in Harleys wieder DOT-4-Suppe.

Bremsflüssigkeiten auf Glykoletherbasis (also DOT 3, 4 und 5.1) können untereinander gemischt werden. Bei Bremsanlagen, die ausschließlich für Silikonbremsflüssigkeit nach DOT 5.0 ausgelegt sind, darf keine Glykol- Bremsflüssigkeit verwendet werden. Beim Gespannaufbau einer Harley stellt sich nun die Frage: Mit welcher Suppe befüllen die Händler die Bremsanlage, und verträgt sich der bei Beiwagen in vielen Fällen verwendete Brembooder Grimeca-Sattel mit DOT 5.0?

Die Gespannhersteller meiden dieses Thema. Die meisten verwenden bei HD-Zugmaschinen entweder die originale Harley-Bremse am Beiwagen oder statten die Beiwagenbremse mit einem eigenen Bremskreis aus. Nur von Peter Sauer erhielten wir ein eindeutiges Statement: „Kombinierte Bremsanlagen Harley/Brembo/ Grimeca sollten immer mit der original Harley- Bremsflüssigkeit DOT 5 befüllt werden. Die Dichtungen in den Harley-Bremszylindern und Bremsanlagen sind nicht resistent gegen DOT-4- Flüssigkeit. Sie quellen auf. Umgekehrt scheint die Gefahr nicht zu bestehen. Undichtigkeiten sind uns nicht bekannt.

Wohl aber sind Ausfallerscheinungen bekannt, die auf aufgequollene Dichtungen von Harley-Sätteln beim Befüllen mit DOT 4 zurückzuführen sind.

Mit dem Befüllen mit DOT 5, also der originalen Harley-Bremsflüssigkeit, bestehen aus unserer Sicht keine Bedenken. Einige unserer Kunden fahren bereits über 80.000 Kilometer damit.“

Was sagen die Bremsenhersteller zu diesem Thema? Die Firma Magura zum Beispiel rät dringend davon ab, die hauseigenen Radialbremszylinder an Harleys zu montieren und das System mit DOT 5 zu befüllen.

Bei verschiedenen Herstellern aus dem Custom- Bereich, die Nachrüstbremsen für Harleys anbieten, hatten wir den Eindruck, als ob sie noch nie etwas von dieser Thematik gehört hätten. Ein offizielles Statement erhielten wir nicht.

Im Internet als Fundus für Erfahrungen fanden wir ebenfalls sehr konträre Meinungen. Interessant ist allerdings ein Beitrag in einer amerikanischen Corvette-Zeitung. Dort hieß es u.a.: „Eines der Probleme von Silikon-Bremsflüssigkeit (die allgemein unter ‚DOT 5‘ im Handel ist) ist die Eigenschaft, unter hohen Temperaturen eine leichte Kompressionsfähigkeit zu zeigen. Normalerweise sind Flüssigkeiten ja nicht komprimierbar, aber bei Silikon zeigt sich dieser Effekt bei hohen Temperaturen. Die Folge ist zwar kein Bremsausfall, aber möglicherweise ein etwas ‚schwammiges‘ Bremsgefühl, d.h. nachlassender Druck.

Zusätzlich ist Silikonflüssigkeit sensibel auf atmosphärischen Druck. Das zeigt sich bei Fahrten in größeren Höhen wie zum Beispiel Paß-Strecken. Die Silikon-Bremsflüssigkeit neigt dazu, sich auszudehnen. Auch dieser Effekt führt zu dem oben beschriebenen ‚schwammigen‘ Bremsverhalten.

Schließlich hat sich herausgestellt, dass sich manche Silikon-Bremsflüssigkeiten nicht mit Äthylen-Propylän-Gummi (EPR) vertragen, der in diversen Bremsanlagen verbaut ist. Sie bewirken eine Ausdehnung der Gummiteile und damit unter Umständen Undichtigkeiten oder Funktionsstörungen.“

Es scheint, als hätten wir an ein Thema gerührt, das von den Verantwortlichen gern beiseite geschoben wird. Letztlich sind wir genau so schlau wie vorher. Deswegen vertrauen wir vorerst auf die Aussage von Peter Sauer und führen seit einem Jahr einen Selbstversuch mit einem mit DOT 5 befüllten Grimeca-Bremssattel durch. Bis heute konnten wir noch keinen Mangel feststellen.

Nicht verwechseln!

Selbst von manchen Werkstätten werden die Bremsflüssigkeiten DOT 5 und DOT 5.1 verwechselt. Leider trägt diese Ziffernbezeichnung auch zur Verwirrung bei. Dabei haben beide lediglich den Siedepunkt gemeinsam, sind aber sonst grundverschieden und nicht mischbar.

Also: Die Flüssigkeiten nach DOT 3, 4 und 5.1 sind Glykol-Derivate, wasseranziehend, untereinander mischbar und nicht komprimierbar. DOT 5 (viele bezeichnen sie zur besseren Unterscheidung auch als DOT 5.0) basiert dagegen auf Silikon, ist nicht hygroskopisch und leicht komprimierbar. Sie wird ausschließlich im Rennsport und bei manchen Harley-Motorrädern verwendet.

DOT 5.0 altert nicht, weil keine Luftfeuchtigkeit eingebunden werden kann. Das ist aber auch ein gravierender Nachteil: Kommt hier Wasser ins Bremssystem, und sei es noch so wenig, bildet dies Tröpfchen, die bei Minustemperaturen gefrieren. Und solche Eisklümpchen können Bohrungen verstopfen. Schlimmste Folge: Die Bremse funktioniert nicht oder aber sie blockiert nach dem Lösen weiter – eine wenig angenehme Situation etwa auf der linken Autobahnspur.

Faustregel zum Unterscheiden der Glykol- und Silikon-Suppen, wie uns der renommierte Bremsen-Hersteller ATE mitteilt: „Grundsätzlich ist eine DOT-Bremsflüssigkeit auf SAE J1703 basierend (Glykol-Basis, DOT 3, 4 und 5.1, H.H.) durchsichtig und leicht bernsteinfarben. Silikonbremsflüssigkeit (DOT 5.1, H.H.) hat eine violette Farbe.“  (Hans Hohmann)


INFO

Anforderungen an Bremsflüssigkeiten Die Bremsflüssigkeit muss eine sichere Funktion der Fahrzeugbremse bei hohen Anforderungen gewährleisten und eine Vielzahl von Forderungen erfüllen. Diese sind in der Norm SAE J 1703 festgelegt. Die Vorschrift FMVSS No. 116 stellt eine Weiterentwicklung der Norm SAE J 1703 dar. Sie ist die heute verbindliche Vorschrift und enthält Forderungen an folgende Eigenschaften:

- Gleichgewichtssiedepunkt (Trockensiedepunkt)
- Nasssiedepunkt
- Viskosität
- pH-Wert
- Stabilität bei hohen Temperaturen
- chemische Stabilität
- Korrosion
- Verhalten bei tiefen Temperaturen
- Verdampfung
- Wasserverträglichkeit
- Verträglichkeit mit Vergleichsflüssigkeiten (Mischbarkeit)
- Widerstand gegen Oxidation
- Verhalten gegenüber Gummiteilen
- Eignungstest im Prüfstand

Die SAE- und DOT-Normen schreiben außerdem die Prüf- und Messmethoden für alle diese Eigenschaften vor.

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